Rückblick: „Fehler, Schuld und Versäumnisse“ – Prof. Hermann Schäfer zu Gast in Bornheim

Am 8. Mai 2026, dem 81. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Europa, fand in der Aula der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Bornheim-Merten eine bemerkenswerte Gemeinschaftsveranstaltung statt. Die Rotary Clubs Bornheim, Erftstadt, Brühl und Wesseling luden gemeinsam mit dem Bornheimer Kulturforum zu einem Vortrag ein, der die eigene Geschichte kritisch beleuchtete.
Ein renommierter Gast mahnt zur Erinnerung
Als Referent konnte der renommierte Historiker Prof. Dr. Hermann Schäfer gewonnen werden. Schäfer, Gründungspräsident des Hauses der Geschichte in Bonn und ehemaliger Ministerialdirektor im Bundeskanzleramt, ist selbst langjähriges Mitglied bei Rotary (RC Bonn Süd-Bad Godesberg). In seinem Vortrag „Fehler, Schuld und Versäumnisse in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus am Beispiel der Rotary Clubs in Deutschland“ setzte er sich intensiv mit der Verhaltenskultur der deutschen Rotarier während der NS-Zeit auseinander.
Die „drei Stufen der Schuld“
Im Zentrum der Ausführungen stand Schäfers Konzept der drei Ebenen der Schuld:
• Die erste Schuld: Die schnelle Anpassung an das NS-Regime nach 1933 bezeichnete Schäfer als die „erste Schuld“. Er schilderte eindringlich, wie Clubs aus Furcht oder vorauseilendem Gehorsam jüdische Mitglieder ausschlossen oder ihnen den Austritt nahelegten. Wie tiefgreifend diese Ausgrenzung war, zeigt sich an den Biografien prominenter Mitglieder, die im Gedenkbuch von Prof. Schäfer dokumentiert sind.
So wurde der Literaturnobelpreisträger Thomas Mann bereits 1933 aus dem RC München ausgeschlossen. Auch der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister von Köln, verlor nach seiner Amtsenthebung durch die Nationalsozialisten seinen Platz in der rotarischen Gemeinschaft. Während einige Clubs versuchten, sich mit ihren Mitgliedern zu solidarisieren, beugten sich viele dem Druck. Der endgültige „Kotau“ vor den Nazis erfolgte schließlich im August 1937, gefolgt von der Selbstauflösung der deutschen Clubs, um einem drohenden Verbot zuvorzukommen.
• Die zweite Schuld: Das Schweigen und die Verdrängung nach 1945. Jahrzehntelang gab es bei den Neugründungen kaum Interesse an einer ehrlichen Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Erst vor wenigen Jahren brachte Schäfer gegen interne Widerstände die wissenschaftliche Aufklärung ins Rollen.
• Die dritte Schuld: Die drohende Geschichtsvergessenheit der Gegenwart. Schäfer warnte eindringlich davor, dass die Verbrechen der NS-Diktatur und des Holocaust in Vergessenheit geraten könnten, was den Boden für ein erneutes Erstarken demokratiefeindlicher Strömungen bereiten würde.
Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität
Besonders aufrüttelnd waren die von Prof. Schäfer präsentierten Zahlen zur heutigen Erinnerungskultur in Deutschland:
• 80 % der Deutschen glauben heute, ihre Vorfahren seien im Widerstand gewesen.
• Nur 10 % sehen in ihren Vorfahren Täter.
• 18 % geben an, ihre Angehörigen hätten Juden geholfen.
Diese statistische Verzerrung verdeutlicht laut Schäfer, wie wichtig die wissenschaftliche Aufarbeitung bleibt, um die Frage zu beantworten, wie der Holocaust unter diesen Umständen überhaupt möglich war.
Ein Appell an die kommenden Generationen
Trotz der fachlichen Tiefe des Themas bedauerten die Organisatoren – darunter Gerhard-Josef Brühl Vorstand des Kulturforums und Präsident des RC Bornheim –, dass nur wenig junges Publikum den Weg in die Aula fand. Der Abend endete mit einer angeregten Diskussion, geleitet vom Bornheimer Rotarier Dr. Klaus Olshausen, über die Parallelen zur heutigen politischen Stimmung, die Schäfer als eine Mischung aus „Opportunismus, Furcht und Faszination“ beschrieb, wie sie auch vor 90 Jahren existierte.
Lesehinweis: Die Forschungsergebnisse von Prof. Schäfer sind in seinem umfassenden Gedenkbuch dokumentiert: Hermann Schäfer: Die Rotary Clubs im Nationalsozialismus. Wallstein-Verlag, 2. Auflage 2025.